Motivation
Am Beginn jeder medizinischen Behandlung steht die Anamnese, die sorgfältige Befragung des Patienten bezüglich seiner Symptome, seiner Krankheitsgeschichte sowie seiner Lebenssituation. Auf dieser Grundlage können 80 % aller Diagnosen in der Hausarztpraxis gestellt und wichtige Hinweise für weitere Therapie- und Behandlungsmaßnahmen abgeleitet werden. Im Schnitt stehen Ärzten jedoch nur acht Minuten pro Patient zur Verfügung – nicht annähernd genug Zeit, um eine ausführliche Anamnese durchzuführen. Standardisierte Fragebögen unterstützen zwar bereits die Patientenbefragung, sind aber auf allgemeine Aspekte wie Medikamentenanamnese beschränkt. Der bürokratische Aufwand, den sie verursachen, überwiegt dabei den praktischen Nutzen bei weitem. Seit den 1980er-Jahren werden daher softwaregestützte Ansätze zur automatisierten Anamneseerhebung mithilfe von digitalen Fragebögen entwickelt. Bestehende Systeme scheitern jedoch bislang an der Komplexität der Methode Anamnese: Stark ausdifferenzierte Fragebäume für eine Reihe von Besuchsanlässen zu programmieren, ist aufwändig und macht die Systeme sperrig. Praktikable Lösungen hingegen ermöglichen nur eine oberflächliche Anamnese und bieten Ärzten keinen wirklichen Mehrwert.
Ziele und Vorgehen
Mit GenIQ soll eine Technologie entwickelt werden, die die Fragebogenentwicklung vereinfacht und so eine echte automatisierte Anamneseerhebung unterstützt. Gleichzeitig soll das System für eine Reihe von Besuchsanlässen, für die zehn häufigsten Krankheitsbilder in der hausärztlichen Versorgung, exemplarisch programmiert und evaluiert werden. Folgende Komponenten sollen dazu im Laufe des Projekts erforscht und entwickelt werden: (1) ein Lexikon, das zentrale Begriffe der Anamnese in Experten- und Laiensprache, auch multilingual auf Deutsch und Englisch, beinhaltet und mit SNOMED CT kodiert; (2) ein Algorithmus, der den Besuchsgrund des Patienten identifiziert und in Abhängigkeit von den gegebenen Antworten einen dynamischen Anamnese-Fragebogen erstellt; (3) eine Sprachfunktion, die dynamisch Fragen und Antwortmöglichkeiten sowie Fließtext, z.B. für den Arztbericht, aus dem Lexikon heraus generiert.
Innovationen und Perspektiven
Mit der GenIQ-Technologie ist es möglich, innerhalb kürzester Zeit hochqualifizierte Inhalte für eine Vielzahl von Fachdisziplinen und Anwendungsszenarien, von der Erstanamnese bis hin zur Verlaufskontrolle, zu erschließen. Das Projekt erlaubt außerdem versorgungsmedizinische Erkenntnisse darüber, unter welchen Bedingungen Ärzte und Patienten eHealth-Lösungen akzeptieren und wie sich der Nutzen einer automatisierten Anamnese quantifizieren lässt. Diese Erkenntnisse legen den Grundstein für eine aktive Unterstützung der Arzt-Patienten-Kommunikation in der digitalen Medizin.